Vor 30 Jahren: Noch immer ungeklärt - Der Fall Mike Polley (Sport inside, WDR)

Am 3. November 1990 wurde Mike Polley, Fan des FC Berlin, am Rande der Partie Sachsen Leipzig - FC Berlin von einem Polizisten erschossen. Bis heute sind die Begleitumstände des gewaltsamen Todes ungeklärt – "sport inside" über ein trauriges Kapitel deutsch-deutscher Sportgeschichte.

Am 3. November 1990 starb in Leipzig der Berliner Fußballfan Mike Polley – getötet durch eine Polizeikugel. 58 Schüsse peitschten an diesem Samstagnachmittag am S-Bahnhof in Leipzig-Leutzsch durch die Luft. Abgegeben durch neun Polizisten, die sich in Bedrängung wähnten. Sie hinterließen fünf zum Teil Schwerverletzte und einen Toten. Mike Polley, 18 Jahre und Anhänger des FC Berlin. Es war das erste Mal dass in Deutschland ein Mensch am Rande eines Fußballspieles durch eine Polizeikugel starb. Vorausgegangen waren an diesem Nachmittag heftige Auseinandersetzungen zwischen Hooligans und Polizisten. Mehrere Einsatzwagen hatten die Ordnungshüter im Umfeld des Stadions dabei eingebüßt. Zwei von ihnen brannten.

25 Jahre später erhält "sport inside" als erstes Medium überhaupt Einblick in die Ermittlungsakte. Neun Schnellhefter, verstaubtes Papier, voll mit Dutzenden Zeugenbefragungen, psychiatrischen und psychologischen Einschätzungen, ballistischen Gutachten. Auch den Versuch einer Rekonstruktion des Geschehens hatten die Ermittler damals vorgenommen. Die hunderte Seiten starke Akte vermittelt den Eindruck: Hier wurde umfassend untersucht. Doch stimmt das wirklich? Weshalb Mike Polley erschossen wurde, dafür liefern die Leipziger Ermittlungsakten keine schlüssige Begründung. Ebenso wenig wurde geklärt, wer Mike Polley tatsächlich erschossen hat. Und ob sich die flüchtenden Polizisten wirklich in der von ihnen angegebenen Notlage befanden, als der Einsatzleiter den Befehl zum Schusswaffeneinsatz gab. (Text WDR)

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Vor 30 Jahren: 'Der Sommer der Anarchie 1990 in Berlin

Ob 1. Mai im Görlitzer Park in SO36, eine Demonstration von Wehrdienstgegner 'Unter den Linden', die Besetzung einer Botschaft im DDR-Diplomatenviertel, ein Graffitto am Henry-Ford-Bau der Freien Universität in Dahlem. Im Sommer 1990 war in Berlin immer etwas los. Er hatte etwas 'leichtes'. In Ost-Berlin waren Dutzende Häuser besetzt, die 'Volkspolizei' hatte keine wirklichen Schnitte mehr. Als junger Radio-Reporter bald jeden Tag bei zwei, drei Terminen gewesen. Von der DDR-Regierungspressekonferenz (mit einer gewissen Angela Merkel als kratzbürstige Vizepressesprecherin) bis hin zur Besetzung der Staatssicherheitszentrale in Lichtenberg. Unvergesslich. sommer der anarchie 1990Fotos: Fred Kowasch, All Rights Reserved

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'Vor 30 Jahren': "Linke jagen" - Leipzig im Januar 1990

Mitte Januar 1990 in Leipzig: schwarz, rot, goldene Fahnen wehen auf dem Innenstadtring. Zehntausende, die rufen: "Wir sind ein Volk". Einige von ihnen machen auf dem Karl-Marx-Platz Jagd auf Grüppchen, die eingehüllt in DDR-Fahnen abseits stehen. Wir haben einmal in die Fotokiste gegriffen und ein paar alte Aufnahmen herausgesucht. Viel Spaß mit den zeithistorischen Fotos und dem Artikel eines 24jährigen, der gerade als Reporter begann. 
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Foto: Fred Kowasch - All Rights reserved

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Vor 30 Jahren: Null Bock auf Deutsche Einheit

Der Dezember 1989 in Berlin. Während im Osten der Stadt der sogenannte 'Runde Tisch' tagt, sich die SED in SED-PDS umbenennt, protestieren in Westberlin Tausende gegen eine immer wahrscheinlich werdende Deutsche Einheit. Zur Demonstration über den Kudamm hat ein 'Büro für ungewöhnliche Maßnahmen' aufgerufen. West-Berlin - das Eldorado für Wehrdiensttotalverweigerer - zieht jede Menge schräger Typen an. Während durch Kreuzberg eine Besetzerdemo zieht, wird in Ostberlin am 22. Dezember das erste Haus - die Schönhauser Allee 20/21 - offiziell besetzt. Bis zum Herbst 1990 sollten über Hundert weitere folgen. Das 'Jahr der Anarchie' kündigt sich an. Und: die Stadt ist formal immer noch geteilt. Für einen Tagesbesuch im Osten müssen Westberliner nach wie vor noch 25,- DM an Zwangsumtausch bezahlen.Dezember 1989 Bild 3Die Schönhauser Allee 20/21. Das erste - offiziell - besetzte Haus in Ostberlin. Mehr als hundert weitere Häuser werden 1990 noch folgen
Dezember 1989 Bild 1Demonstration im Dezember 1989 gegen die Deutsche Einheit auf dem Westberliner Kurfürstendamm - Fotos: Fred Kowasch - All Rights Reserved

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Erste Kundgebung des 'Neuen Forum' in Leipzig (18.11.2019)

von Fred Kowasch

Der 18. November 1989. Zum ersten Mal nach meiner Ausreise (im März des Jahres) wieder in die DDR gekommen. Die erste Kundgebung des 'Neuen Forums' in meiner Heimatstadt wollte ich mir nicht entgehen lassen. Wow - fast 20.000 sind gekommen. Treffe viele Freunde aus der Bürgerrechtsbewegung, die an diesem Tag aber kaum Zeit für mich haben. Lausche Reden von Leuten, mit denen ich einst in dunklen Küchen diskutierte. Am Meisten hat mich damals die Rede der Philosphin Inge Berndt berührt. Am Rande - und zum Schluß - ein Sprechchor: "Deutschland, einig Vaterland!" Dieser wird mit heftigen Pfiffen quittiert. Am Abend dann: ab in meine einstige Bar, deren Mobiliar inzwischen in den Osten der Stadt gewandet ist. Party bis zum Morgengrauen ....
Leipzig1 17111989Ordner des 'Neuen Forum' vor dem Leipziger Georgi-Dimitroff-Museum
Leipzig2 17111989Mehr als 15.000 Menschen sind zur ersten Kundgebung des 'Neuen Forum' zusammengekommen
Photos: Fred Kowasch - All Rights Reserved

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Serie: Mit Faust und Kerze - Warum die 'Friedliche' Revolution so friedlich nicht war

von Fred Kowasch

Die Ereignisse vom Herbst 1989 gelten - nicht nur unter Historikern - als 'Friedliche Revolution'.Als einzige Revolution in der deutschen Geschichte, die erfolgreich endete und unblutig verlief. Symbole wie brennende Kerzen, Begriffe wie 'Gewaltloser Widerstand' und die Rufe "Wir sind das Volk" sind es, die das Bild von den Ereignissen in Leipzig, Dresden, Plauen und Berlin auch nach 30 Jahren öffentlich prägen.

Dieses überlieferte Bild ist - in Teilen – ungenau und unzutreffend. Gleichwohl verliefen fast alle Demonstrationen und Protestaktionen bis in den Herbst '89 hinein friedlich. Zwischen dem 2. und 8. Oktober eskalierte jedoch die innenpolitische Lage.

In Leipzig durchschlugen am 2. Oktober aufgebrachte Demonstranten auf dem Innenstadtring mehrere Sperrketten der Polizei, griffen am 7. Oktober Hooligans Staatssicherheitsangehörige an, kam es zur Rebellion in einer Gefangenensammelstelle.

In Dresden bestimmten bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen das Bild. Vor dem Hauptbahnhof wurden Wasserwerfer und Tränengasgranaten von Sicherheitskräften eingesetzt. Behelmte Demonstranten zerstörten Geschäfte und bewarfen die Einsatzkräfte mit Steinen und Molotowcocktails. Ein Polizeieinsatzwagen brannte vollständig aus.

In Ost-Berlin – der Hauptstadt der DDR - wurden Sicherheitskräfte angegriffen, sahen sich die Ordnungshüter des 'Arbeiter- und Bauernstaates' massiven Anfeindungen ausgesetzt.

In Plauen flogen Plastersteine, wollten wütende Demonstranten das Rathaus der Stadt stürmen. Während der Auseinandersetzungen konnte sich der Fahrer eines zum Wasserwerfer umfunktionierten Wagens der Feuerwehr nur in letzter Minute vor den militanten Angreifern retten.

interpool.tv legt diese Ereignisse in einer Serie detailliert dar. Fakten und Begebenheiten, die es in dieser Dichte so noch nicht gab. Und die belegen: die offizielle Sichtweise auf die 'friedliche Revolution' in der DDR ist ungenau. Wenn nicht sogar in Teilen falsch.

Für diese Enthüllungsgeschichte haben wir in zahlreichen Archiven recherchiert, uns in den vergangenen Jahren mit den damaligen Einsatzleitern der DDR-Polizei von Ost-Berlin und Leipzig getroffen. Aber auch mit Demonstranten gesprochen, die damals selbst Gewalt ausgeübt haben. Eine Hintergrundstory, die es in sich hat.

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Vor 30 Jahren: Erstmals Transparente vor der Nikolaikirche (4. September 1989)

von Uwe Schwabe

"Nach dem Kirchentag gingen die Friedensgebete in die Sommerpause. Während dieser Zeit versuchte die Staatsführung den Kirchenvorstand von St. Nikolai dahingehend zu beeinflussen, die Friedensgebete am 4. September nicht wieder beginnen zu lassen. Der Kirchenvorstand lehnte jedoch dieses Ansinnen ab. So wurde das erste Friedensgebet wie geplant am ersten Montag im September, dem Messemontag durchgeführt.

leipzig 04091989 3

Auch den Mitgliedern der Basisgruppen war klar, daß von den Ausreiseantragstellern, denen man den Weg nach Ungarn oder in die CSSR versperrt hatte, wieder eine spontane Demonstration ausgehen würde. Die große Öffentlichkeit durch westliche Joumalisten sollte diesmal aber nicht alleine den Antragstellern überlassen werden. Einige Mitglieder von Basisgruppen entschieden sich, mit eigenen Transparenten an die Öffentlichkeit zu gehen.

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Vor 30 Jahren: Was ist los in Leipzig?

was ist los in leipzig1 Teaser
septemberdemo 1989 leipzigProteste für Versammlungs- und Meinungsfreiheit am 4. September 1989 vor der Nikolaikirche in Leipzig
Foto: Helmut Neumann / Fred Kowasch - All Rights Reserved

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"Ich bin sicher, dass in Zukunft nicht nur ein paar Hundert, sondern ein paar Tausend Menschen an Demonstrationen teilnehmen werden."


Eine gewagte Prognose aus dem Sommer 1989. Abgegeben am Ende des fünfseitigen Textes. In Kenntnis der Situation in der DDR, in Kenntnis geplanter Aktionen Leipziger Oppositionsgruppen. Dass dies schon Ende September in Leipzig Wirklichkeit werden sollte, hatte auch ich nicht ernsthaft erwartet.


Den oben abgebildeten Text habe ich auf Anregung des Journalisten Roland Jahn (ARD-Kontraste, ZDF-'Kennzeichen D') im Juli 1989 geschrieben. Er war zur Veröffentlichung in der tageszeitung (taz) und der Frankfurter Rundschau gedacht.

Abgedruckt hat ihn dann keine der beiden Zeitungen. Das Interesse an Themen aus Leipzig war - damals - zu gering. (Fred Kowasch)

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Zeitgeschichte: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ...."

von Fred Kowasch

Es gibt dieser Tage ein gern verwendetes schwarz-weiss Photo. Ein paar Jugendliche - untergehakt - auf einer Demonstration im Anschluß an ein Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche. Aufgenommen  von einem SPIEGEL-Photographen am Abend des 4. September 1989. Dieses Photo vermittelt ein falsches Bild. 

Denn die Situation - so erzählen es die Beteiligten übereinstimmend - zeigt eben keine Demonstration, die da gleich mit Hunderten durch die Leipziger Innenstadt loszieht. Schon kurz nach diesen Aufnahmen müssen die jungen Bürgerrechtler feststellen: die Masse folgt uns nicht.

Die Anderen - rund Tausend an der Zahl - stehen derweil vor den Kameras westdeutscher TV-Stationen. Sie rufen: "Wir wollen raus!, Wir wollen raus!". Immer und immer wieder. Ausreiseantragsteller, die ein privates Anliegen haben. Und die die Öffentlichkeit dafür nutzen. Es ist - an diesem Tag - die faktische Spaltung einer neu entstandenen Bewegung. Einer Bewegung, die in der DDR 1989 den Aufstand probt. Und die bis dahin - zumindest in Leipzig - in einer Art symbiotischen Beziehung zueinander die SED-Diktatur herausgefordert hat.
wir wollen raus 04091989"Wir wollen raus!, Wir wollen raus!" - Ausreiseantragsteller am 4. September 1989 vor der Leipziger Nikolaikirche - Photo: Helmut Neumann

Natürlich kann ich viel erzählen. Von den ersten kleineren Aktionen im Anschluß an die Friedensgebete, Montags in Leipzigs Innenstadt. Von Flugblätter verteilen, in Warenhäusern und in der Volkshochschule. Von ersten - unabhängigen - Demonstrationen. Als wir sprichwörtlich die Straße eroberten. Als aus hundert Kirchengängern mehr als achtmal so viele Entschlossene wurden. Die Festnahmen, Verhöre, endlos wirkende Tage im Stasi-Knast. Zeitgeschichte ist dies mittlerweile, gerade wird sie intensiv diskutiert.

Endlich. Viel zu lange haben sich die beteiligten Akteure klein gemacht, die Deutungshoheit irgendwelchen westdeutschen Historikern überlassen. Jetzt - 30 Jahre später - sagen sie, dass ist unsere Revolution. Wir waren die Mutigen, dieses Erlebnis lassen wir uns von euch nicht nehmen. Revolutionen, gab (und gibt) es in diesem Land viel zu selten. Erfolgreiche schon gar nicht. Der 'deutsche Michel' zeichnete sich seit jeher eher durch Untertanengeist, Feigheit und Denunziantentum aus. Damals wie heute.

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Vor 30 Jahren: Wie die DDR-Diktatur Oppositionelle drangsalierte

Am 7. Mai 1989 fanden in der DDR Kommunalwahlen statt. Zum ersten Mal in der Geschichte des anderen deutschen Staates versuchte die Opposition - versuchten Bürgerrechtler - die Auszählung der Wahlergebnisse zu kontrollieren. Dabei stellten sie in Ostberlin, Leipzig, Halle und Dresden erhebliche Unterschiede zu den offiziell verkündeten Wahlergebnissen fest. Sowohl was die Höhe der Wahlbeteiligung anbelangte, als auch den Prozentanteil der Nein-Stimmen. Am Abend der Kommunalwahl selbst fand in Leipzig eine Protestversammlung auf dem Marktplatz in der Innenstadt statt. Dabei kam es zu vorläufigen Festnahmen durch die DDR-Sicherheitsorgane. Bereits im Vorfeld hatte es zahlreiche Kontrollmaßnahmen durch sie gegeben.

Der vorliegende Schriftstück ist ein Originaldokument aus dieser Zeit. Darin berichtet ein Augenzeuge über zahlreiche Zwangsmaßnahmen im Umfeld der Kommunalwahl in Leipzig. Dass darin erwähnte (illegale) Cafe befand sich in der Zweinaundorfer Strasse 20a im Leipziger Osten. Seit dem Frühjahr 1989 hatte sich dort ein Treffpunkt der DDR-Undergroundszene etabliert.
ddr kommunalwahlen

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